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Rezensionen

 

 

Julian-André Finke
Hüter des Luftraumes? Die Luftstreitkräfte der DDR im Diensthabenden System des Warschauer Paktes
Militärgeschichte der DDR Band 18
Herausgegeben vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt
Ch. Links Verlag 2010

 

408 Seiten, 19 Abbildungen, Format: 14.8 x 21.0 cm, ISBN 978-3-86153-580-5

 

Kaum ein Werk zur Militärgeschichte der DDR wurde bisher so aufgeregt kommentiert, wie das vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt herausgegebene Buch "Hüter des Luftraumes?". Dabei schlugen die Wellen bereits hoch, bevor das Buch überhaupt in den Handel kam. Größter Stein des Anstoßes war die Tatsache, daß ein Offizier der Bundeswehr, der zudem noch ein Kind war, als die DDR aufhörte zu existieren, sich der Geschichte der Luftstreitkräfte / Luftverteidigung (LSK/LV) der NVA angenommen hatte. Gerade dieser Aspekt ist natürlich absurd: würde man von Historikern verlangen, Zeitzeugen des von Ihnen erforschten Geschehens zu sein, reichte die zeitgenössische Geschichtsschreibung nicht weiter zurück als bis zum Versailler Vertrag.

Obwohl fast 20 Jahre vergangen sind, seit zum letzten Mal Flugzeuge mit dem Hoheitskennzeichen der DDR starteten, sind in der Zwischenzeit nur wenige nennenswerte Beiträge zur Aufarbeitung der Geschichte dieser - gerade nach heutigen Maßstäben - durchaus nicht kleinen Teilstreitkraft entstanden. 1992 erschien mit dem Buch "Die andere deutsche Luftwaffe" von Wilfried Kopenhagen die erste Gesamtdarstellung der Thematik, wenn auch der zeitliche Abstand zum Geschehen noch zu kurz war, um alle Aspekte der Luftstreitkräfte im östlichen Teil Deutschlands ausgewogen darzustellen. Trotzdem gebührt dem viel zu früh verstorbenen Autor das Verdienst, sich als erster den LSK/LV in diesem Umfang gewidmet zu haben. Wie hoch die Leistung des ehemaligen NVA-Militärjournalisten Kopenhagen einzuschätzen ist, zeigt die Tatsache, daß sein Werk - unter dem Titel der späteren Ausgabe "Die Luftstreitkräfte der NVA" - von Buchautor Finke an zahlreichen Stellen zitiert wird.
Die Hauptakteure selbst - ehemalige Offiziere der LSK/LV - schwiegen oder beschränkten sich auf Abhandlungen zu Details ihrer einstigen Tätigkeit. Erst 2009 legten frühere Kommandeure mit dem Buch "Erlebtes und Geschaffenes" eine Darstellung der Thematik aus ihrer Sicht vor. Dem Werk, das im Stile einer Chronik aus NVA-Zeiten verfaßt wurde und das in unveränderter Form auch vor der Wende hätte veröffentlicht werden können, fehlt allerdings jegliche kritische Selbstreflexion.

Das im März 2010 erschienene Buch "Hüter des Luftraumes?" will allerdings keine Gesamtdarstellung der Entwicklungsgeschichte der LSK/LV sein, sondern untersucht die Souveränität der DDR anhand des Merkmals Lufthoheit. Um das Ergebnis vorweg zu nehmen: Autor Finke weist schlüssig nach, daß die Lufthoheit der DDR anfangs nicht existent und zum Ende immer noch stark eingeschränkt war, wobei der Verantwortungszuwachs des Militärs der DDR sowohl dessen gewachsenen Fähigkeiten und Selbstbewußtsein als auch der zunehmenden ökonomischen Schwächung der Sowjetunion geschuldet ist. Die fehlende Souveränität entspricht durchaus dem Erleben eines jeden DDR-Bürgers, auch wenn Militärangehörige, die wie der Autor dieser Website an untergeordneter Stelle im DHS standen, angesichts der zahlreichen Alarmierungen und der ständigen hohen Bereitschaftsstufen das Gefühl haben mußten, daß der Schutz des Luftraums der DDR ganz allein auf den Schultern der LSK/LV ruht.

Bei seinen Recherchen greift der Autor im wesentlichen auf Dokumente der LSK/LV selbst zurück, die im Bundesarchiv / Militärarchiv verfügbar sind. Auf Grund dieser Tatsache und nicht zuletzt der Fülle des eingearbeiteten und zitierten Materials ist allerdings doch eine Geschichte der LSK/LV entstanden, die zudem - hier wird die Voreiligkeit der anfangs erwähnten Kritiker deutlich - über weite Bereiche die eigene Sicht der DDR-Luftstreitkräfte darstellt. Die massive Verwendung von NVA-Quellen stellt aber auch ein Problem dar - vielen Schlußfolgerungen des Autors, die auf den eher spärlich zitierten westlichen Quellen beruhen, fehlt so die Legitimation durch entsprechend ausführliches Material der anderen Seite. Auch wird die Allgemeingültigkeit einiger Aussagen zu den LSK/LV dadurch eingeschränkt, daß nur Quellen zu ausgewählten Einheiten berücksichtigt wurden, was aber angesichts der Zielstellung durchaus legitim ist. Kleinere Schwächen leistet sich das Werk bei Aussagen zur Technik, die zudem zuweilen auf zweifelhaften Quellen basieren.

Demjenigen, der zur Gewinnung der genannten Erkenntnis das Studium von mehr als 300 Seiten Text scheut, sei die Lektüre der beiden abschließenden Kapitel empfohlen. Im vorletzten Abschnitt arbeitet Autor Finke zunächst heraus, daß auch die BRD auf Grund alliierter Vorbehaltsrechte das Air Policing bis zum Abschluß des Zwei-plus-Vier-Vertrags 1990 nicht in nationaler Verantwortung durchführen konnte und demzufolge nicht nur die DDR in ihrer Souveränität massiv eingeschränkt war, stellt aber zugleich klar daß sich die Strukturen und Mechanismen von Warschauer Vertrag und NATO sowie die Einflußmöglichkeiten der beiden deutschen Staaten innerhalb ihrer Bündnisse unterschieden. In den Schlußbetrachtungen schließlich faßt er die Ergebnisse seiner Recherchen auf wenigen Seiten stringent zusammen und arbeitet dabei nochmals auch Absurditäten heraus, wie die Tatsache, daß die Entscheidung über die Vernichtung von Luftraumverletzern ausschließlich dem Oberkommandierenden der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) zustand, die DDR aber für diese Handlungen die völkerrechtliche Verantwortung zu tragen hatte. Die durch den Titel des Buchs implizierte Frage, ob die LSK/LV tatsächlich "Hüter" des eigenen Luftraumes waren, beantwortet der Autor hinsichtlich des eigenen Beitrags der DDR zum DHS positiv, um aber gleich anzufügen, daß die Luftstreitkräfte der NVA eben nicht Herren im eigenen Haus waren.

Ein lesenswertes Buch, das deutlich macht, wie sehr die Souveränität der DDR in politischen und militärischen Fragen eingeschränkt war. Interessant wäre es, die Beurteilungen des Handelns führender politischer und militärischer Repräsentanten der DDR, wie sie z.B. in den Mauerschützenprozessen vorgenommen wurden, unter diesem Aspekt einer Neubewertung zu unterziehen. Aber das ist dann schon wieder Stoff für ein neues Buch ...

 

 

 

Lutz Freundt (Hrsg.), Stefan Büttner
Rote Plätze
Russische Militärflugplätze
Deutschland 1945 - 1994
Fliegerhorste - Aerodrome - Militärbrachen
Aerolit-Verlag 2007

 

300 Seiten, 575 Abbildungen, darunter 110 Luftbilder, Format: 26 x 20 cm,
ISBN: 978-3-93552-511-4

 

Die erste wirklich umfassende Darstellung zur Thematik der sowjetischen / russischen Militärflugplätze in Deutschland beleuchtet nicht nur die Stationierung von Fliegertruppenteilen und ihrer Technik, sondern geht vor allem intensiv auf Entwicklung, Gestaltung und Funktion der Infrastrukturelemente (Flugbetriebsflächen, Gebäude und Schutzbauten) ein.

Hervorzuheben ist besonders die Systematik, mit der sich die Autoren des Themenkomplexes annehmen: Beginnend mit den sowjetisch besetzten Flugplätzen in den früheren deutschen Ostprovinzen sind die Flugplatzbeschreibungen nach Regionen gegliedert. Den Kapiteln zu den Objekten in der SBZ, DDR und BRD wurde eine systematisierende Beschreibung der Infrastrukturelemente vorangestellt, die das Verständnis der folgenden Kapitel erleichtert. Die einheitliche Gliederung aller Flugplatzbeschreibungen in die Punkte Lage, Start- und Landebahn, Geschichte, Infrastruktur, Betrieb (stationierte Truppenteile / Flugzeugtypen) sowie Nachschau und die durchgängige(!) Hinterlegung dieser Aspekte mit Fakten verdeutlicht, welche ungeheure Menge an Material die Autoren bei ihren Recherchen zusammengetragen haben.

Dem hohen Anspruch, den sich die Autoren im Vorwort auch und gerade in Abgrenzung von der heutigen Hobby- und massenmedialen Geschichtsschreibung stellen, wird das Werk in vollem Umfang gerecht.

 

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