|
Kaum ein Werk zur Militärgeschichte der DDR wurde bisher so aufgeregt
kommentiert, wie das vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt
herausgegebene Buch "Hüter des Luftraumes?". Dabei schlugen die Wellen
bereits hoch, bevor das Buch überhaupt in den Handel kam. Größter Stein
des Anstoßes war die Tatsache, daß ein Offizier der Bundeswehr, der
zudem noch ein Kind war, als die DDR aufhörte zu existieren, sich der
Geschichte der Luftstreitkräfte / Luftverteidigung (LSK/LV) der NVA
angenommen hatte. Gerade dieser Aspekt ist natürlich absurd: würde man
von Historikern verlangen, Zeitzeugen des von Ihnen erforschten
Geschehens zu sein, reichte die zeitgenössische Geschichtsschreibung
nicht weiter zurück als bis zum Versailler Vertrag.
Obwohl fast 20 Jahre vergangen sind, seit zum letzten Mal Flugzeuge
mit dem Hoheitskennzeichen der DDR starteten, sind in der Zwischenzeit
nur wenige nennenswerte Beiträge zur Aufarbeitung der Geschichte dieser
- gerade nach heutigen Maßstäben - durchaus nicht kleinen
Teilstreitkraft entstanden. 1992 erschien mit dem Buch "Die andere
deutsche Luftwaffe" von Wilfried Kopenhagen die erste Gesamtdarstellung
der Thematik, wenn auch der zeitliche Abstand zum Geschehen noch zu kurz
war, um alle Aspekte der Luftstreitkräfte im östlichen Teil Deutschlands
ausgewogen darzustellen. Trotzdem gebührt dem viel zu früh verstorbenen
Autor das Verdienst, sich als erster den LSK/LV in diesem Umfang
gewidmet zu haben. Wie hoch die Leistung des ehemaligen
NVA-Militärjournalisten Kopenhagen einzuschätzen ist, zeigt die
Tatsache, daß sein Werk - unter dem Titel der späteren Ausgabe "Die
Luftstreitkräfte der NVA" - von Buchautor Finke an zahlreichen Stellen
zitiert wird.
Die Hauptakteure selbst - ehemalige Offiziere der LSK/LV - schwiegen
oder beschränkten sich auf Abhandlungen zu Details ihrer einstigen
Tätigkeit. Erst 2009 legten frühere Kommandeure mit dem Buch "Erlebtes
und Geschaffenes" eine Darstellung der Thematik aus ihrer Sicht vor. Dem
Werk, das im Stile einer Chronik aus NVA-Zeiten verfaßt wurde und das in
unveränderter Form auch vor der Wende hätte veröffentlicht werden
können, fehlt allerdings jegliche kritische Selbstreflexion.
Das im März 2010 erschienene Buch "Hüter des Luftraumes?" will
allerdings keine Gesamtdarstellung der Entwicklungsgeschichte der LSK/LV
sein, sondern untersucht die Souveränität der DDR anhand des Merkmals
Lufthoheit. Um das Ergebnis vorweg zu nehmen: Autor Finke weist
schlüssig nach, daß die Lufthoheit der DDR anfangs nicht existent und
zum Ende immer noch stark eingeschränkt war, wobei der
Verantwortungszuwachs des Militärs der DDR sowohl dessen gewachsenen
Fähigkeiten und Selbstbewußtsein als auch der zunehmenden ökonomischen
Schwächung der Sowjetunion geschuldet ist. Die fehlende Souveränität
entspricht durchaus dem Erleben eines jeden DDR-Bürgers, auch wenn
Militärangehörige, die wie der Autor dieser Website an untergeordneter
Stelle im DHS standen, angesichts der zahlreichen Alarmierungen und der
ständigen hohen Bereitschaftsstufen das Gefühl haben mußten, daß der
Schutz des Luftraums der DDR ganz allein auf den Schultern der LSK/LV
ruht.
Bei seinen Recherchen greift der Autor im wesentlichen auf Dokumente
der LSK/LV selbst zurück, die im Bundesarchiv / Militärarchiv verfügbar
sind. Auf Grund dieser Tatsache und nicht zuletzt der Fülle des
eingearbeiteten und zitierten Materials ist allerdings doch eine
Geschichte der LSK/LV entstanden, die zudem - hier wird die Voreiligkeit
der anfangs erwähnten Kritiker deutlich - über weite Bereiche die eigene
Sicht der DDR-Luftstreitkräfte darstellt. Die massive Verwendung von
NVA-Quellen stellt aber auch ein Problem dar - vielen Schlußfolgerungen
des Autors, die auf den eher spärlich zitierten westlichen Quellen
beruhen, fehlt so die Legitimation durch entsprechend ausführliches
Material der anderen Seite. Auch wird die Allgemeingültigkeit einiger
Aussagen zu den LSK/LV dadurch eingeschränkt, daß nur Quellen zu
ausgewählten Einheiten berücksichtigt wurden, was aber angesichts der
Zielstellung durchaus legitim ist. Kleinere Schwächen leistet sich das
Werk bei Aussagen zur Technik, die zudem zuweilen auf zweifelhaften
Quellen basieren.
Demjenigen, der zur Gewinnung der genannten Erkenntnis das Studium
von mehr als 300 Seiten Text scheut, sei die Lektüre der beiden
abschließenden Kapitel empfohlen. Im vorletzten Abschnitt arbeitet Autor
Finke zunächst heraus, daß auch die BRD auf Grund alliierter
Vorbehaltsrechte das Air Policing bis zum Abschluß des
Zwei-plus-Vier-Vertrags 1990 nicht in nationaler Verantwortung
durchführen konnte und demzufolge nicht nur die DDR in ihrer
Souveränität massiv eingeschränkt war, stellt aber zugleich klar daß
sich die Strukturen und Mechanismen von Warschauer Vertrag und NATO
sowie die Einflußmöglichkeiten der beiden deutschen Staaten innerhalb
ihrer Bündnisse unterschieden. In den Schlußbetrachtungen schließlich
faßt er die Ergebnisse seiner Recherchen auf wenigen Seiten stringent
zusammen und arbeitet dabei nochmals auch Absurditäten heraus, wie die
Tatsache, daß die Entscheidung über die Vernichtung von
Luftraumverletzern ausschließlich dem Oberkommandierenden der Gruppe der
sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) zustand, die DDR aber
für diese Handlungen die völkerrechtliche Verantwortung zu tragen hatte.
Die durch den Titel des Buchs implizierte Frage, ob die LSK/LV
tatsächlich "Hüter" des eigenen Luftraumes waren, beantwortet der Autor
hinsichtlich des eigenen Beitrags der DDR zum DHS positiv, um aber
gleich anzufügen, daß die Luftstreitkräfte der NVA eben nicht Herren im
eigenen Haus waren.
Ein lesenswertes Buch, das deutlich macht, wie sehr die Souveränität
der DDR in politischen und militärischen Fragen eingeschränkt war.
Interessant wäre es, die Beurteilungen des Handelns führender
politischer und militärischer Repräsentanten der DDR, wie sie z.B. in
den Mauerschützenprozessen vorgenommen wurden, unter diesem Aspekt einer
Neubewertung zu unterziehen. Aber das ist dann schon wieder Stoff für
ein neues Buch ...
|
|
Die erste wirklich umfassende Darstellung zur Thematik der sowjetischen / russischen Militärflugplätze in Deutschland beleuchtet nicht nur die
Stationierung von Fliegertruppenteilen und ihrer Technik, sondern geht vor allem intensiv auf Entwicklung, Gestaltung und
Funktion der Infrastrukturelemente (Flugbetriebsflächen, Gebäude und Schutzbauten) ein.
Hervorzuheben ist besonders die Systematik, mit der sich die Autoren des Themenkomplexes annehmen: Beginnend mit den sowjetisch besetzten Flugplätzen in
den früheren deutschen Ostprovinzen sind die Flugplatzbeschreibungen nach Regionen gegliedert. Den Kapiteln zu den Objekten in der SBZ, DDR und
BRD wurde eine systematisierende Beschreibung der Infrastrukturelemente vorangestellt, die das Verständnis der folgenden Kapitel erleichtert. Die
einheitliche Gliederung aller Flugplatzbeschreibungen in die Punkte Lage, Start- und Landebahn, Geschichte, Infrastruktur,
Betrieb (stationierte Truppenteile / Flugzeugtypen) sowie Nachschau und die durchgängige(!) Hinterlegung dieser Aspekte mit Fakten
verdeutlicht, welche ungeheure Menge an Material die Autoren bei ihren Recherchen zusammengetragen haben.
Dem hohen Anspruch, den sich die Autoren im Vorwort auch und gerade in Abgrenzung von der heutigen Hobby- und massenmedialen Geschichtsschreibung stellen,
wird das Werk in vollem Umfang gerecht.
|